Salzburger Nachrichten
25.08.2011
Die Goldschmelze der Österreicher
Ögussa. Der hohe Goldpreis lässt die Schlangen in den Ögussa-Filialen wachsen. Schmuck ankaufen und einschmelzen ist freilich längst nicht alles, was der Traditionsbetrieb macht.
Inge Baldinger Wien (SN). Weiß ist er, der ein Meter mal ein Meter mal ein Meter große Plastikcontainer, der darauf wartet, abgeholt zu werden. Bräunlich ist die Flüssigkeit, mit der er vollgefüllt ist. Kaum zu glauben, dass dieses unspektakuläre Ding einen Wert von rund 180.000 Euro darstellt. Denn in der Flüssigkeit verstecken sich laut Analyse vier Kilogramm Platin und zwei Kilogramm Palladium. Man lernt: Auch eine Kloake – in dem Fall das, was von einer Abluftwäsche übrig blieb – kann äußerst edel sein.
Liesinger Flur-Gasse 4, 23. Bezirk. Hier, ganz im Süden von Wien, hat die Ögussa, kurz für Österreichische Gold- und Silberscheideanstalt, ihren Hauptsitz und ihre Produktionsstätte. Mit der Gold- und Silberscheidung ist es längst nicht mehr getan. Alle Arten von Edelmetallen werden geschmolzen, legiert und produziert, für Handwerk, Medizin, Industrie. Die Autoindustrie fragt besonders Platin und Palladium nach, es wird für Katalysatoren gebraucht. Gold und Silber spielen aber noch die zentrale Rolle.
Das wissen auch die Damen und Herren, die vor dem Schalter im Empfangsbereich geduldig Schlange stehen. Sie alle haben sich hierher bemüht, um ihre privaten Schätze – meist Schmuck – zu verkaufen. Selbst Kleinigkeiten versprechen bei diesem Goldpreis hübsche Sümmchen. „Ja, der Goldpreis hat sich in den vergangenen sechs Jahren vervierfacht, unglaublich eigentlich“, sagt Marcus Fasching, Geschäftsführer von Ögussa. „Deshalb verkaufen die Leute mehr als normalerweise.“ Aber, fügt er hinzu, „es werden auch mehr Goldbarren gekauft“. Weshalb es auch in den Zweigstellen der Ögussa – sechs an der Zahl – derzeit Schlange stehen heißt. Weshalb man in der Liesinger Flur-Gasse, so wie zum Höhepunkt der Krise im Jahr 2008, wieder Sonderschichten fährt.
Seit 149 Jahren ist die Ögussa die Goldschmelze der Österreicher. Im Gegensatz zur Münze Österreich, die von der Nationalbank mit Feingold aus ihren Reserven beliefert wird, stammt das Gold, das die Ögussa verarbeitet, ausschließlich aus „Recycling“. Eingeschmolzen wird alles – vom angekauften Erbschmuck über Filterrückstände aus Chemieprozessen bis zu Goldspänchen und -stäubchen, die bei der Schmuckproduktion übrig bleiben. Am Schluss kommt Edelmetall höchster Qualität heraus. „Was bei uns rausgeht, ist absolut rein“, sagt Fasching. Verunreinigung gibt es höchstens im Millionstelbereich. Will heißen: Wenn wo Gold draufsteht, besteht es zu 999,9 von 1000 Teilen aus Gold.
Wie viele Tonnen Edelmetall pro Jahr verarbeitet werden, will der studierte Betriebswirt nicht sagen. Aus Sicherheitsgründen. Das ist ein gutes Stichwort. Die Ögussa hat durchaus etwas von einem Hochsicherheitstrakt an sich. Überall Türen, die sich nur mit Codes oder Genehmigungskarten öffnen lassen, überall Kameras, Alarmanlagen und sehr viele Glaswände. Aus Sicherheitsgründen werden auch verschiedene Dienstleistungen nicht zugekauft, stattdessen hat die Ögussa zur Instandhaltung des Betriebs eigene Schlosser, Elektriker, Installateure und Glasbauer angestellt. Insgesamt werden 140 Mitarbeiter beschäftigt – vom Chemiker bis zum Metaller, vom Galvaniseur bis zum Metallschleifer – und junge Leute in einer Handvoll Lehrberufen ausgebildet.
Die Hälfte des Geschäfts macht die Ögussa mit der „Aufarbeitung“ von Edelmetallen, die andere mit Produkten und Halbfertigprodukten. Fasching drückt es so aus: „Wir sind ein Materialtechnologie-unternehmen. Wir beliefern fast alle Branchen.“ Das können Platindrähte für Abgasmesssonden sein oder Iridiumelektrodenspitzen für Formel-1-Zündkerzen, es können die platinenen Pumpenbestandteile für Kunstherzen sein, reißfeste Goldfäden, mit denen edle Haute-Couture-Teile bestickt werden, oder die Silberumwickelung für Geigensaiten. So schnell wie’s geht Und dann ist die Ögussa die größte Schmuckgießerei Österreichs. „Wir sind der ,Baumax‘ der Goldschmiede“, sagt Fasching. Geboten werden u. a. Ketten und Schließen, Manschettenknopf- und Ohrsteckverschlüsse in jeder Farbe, Legierung und Größe. Außerdem werden Rohlinge gefertigt. Das geht so: Der Goldschmied entwirft ein Schmuckstück und fertigt den Prototyp, in Liesing wird ein Abdruck gemacht und archiviert, „so wie der Schuster den Leisten“ (Fasching). Braucht der Goldschmied ein Exemplar, meldet er sich – „und wir gießen innerhalb von 24 Stunden den Rohling“.
Generell, sagt Fasching, „schauen wir, dass wir so schnell wie möglich sind“. Denn es braucht Tage, mitunter Wochen, bis ein Edelmetall so rein ist, dass es wieder verkauft werden kann. Diese Zwischenzeit muss finanziert werden, schließlich sind Edelmetalle ein unheimlich kursschwankungsanfälliges Gut. Und auch wenn „keinerlei Spekulationsrisiko eingegangen wird“: Seit einiger Zeit läuft die Zeit für die Ögussa.
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